Sing Along With Us

Karaoke-Schaufenster #10, Venusberg 22, Hamburg

Karaoke-Schaufenster #10, 06. 11. 2014

Schaufensterkaraoke am Venusberg

In manchen Momenten knüllt sich alles zusammen und dann hat man plötzlich eine gute Idee: Im Sommer 2014 hatte ich gerade den Schlüssel für mein Ladenbüro abgeholt und stand über die Planschrankschublade gebeugt, in der ich große Pappbuchstaben aufbewahrte, Abfall von einem Ausstellungsprojekt. Im Radio lief Hands Up Baby Hands Up.

Das war dann der erste Text, den ich ins Schaufenster gehängt habe und sofort haben Passanten darauf reagiert: sie haben im Vorbeigehen gesungen … ! Ich dachte „Wie cool! Ich probier mal einen anderen Text, mal sehen, ob es da auch funktioniert“.

Ein paar Zeilen Text
triggern sofort eine Melodie

Bei BUT / THE KID / IS NOT / MY SON standen zwei Frauen vor dem Fenster und haben für ihre kleinen Kinder Billy Jean geschmettert. Ab da war es für mich nicht mehr nur ein kleiner Quatsch, sondern ein richtiges Projekt. Es heißt inzwischen Schaufensterkaraoke, weil die Leute wirklich anfangen zu singen. Dass das funktioniert – man gibt den Leuten einen Text zu lesen und er triggert sofort die Melodie und produziert sogar Gesang – fasziniert mich immer noch.

Die Leute freuen sich, wenn sie das aktuelle Lied erkennen und regelmäßig klopft jemand an um mir zu sagen, wie toll sie die Idee finden und dass sie sich jedes Mal freuen, wenn sie vorbei kommen und immer schon auf das nächste Lied gespannt sind. Das Fenster ist ein beliebtes Fotomotiv. Es hat Fans auf Facebook und Instagram und wird sogar analog kommentiert: Ich finde immer mal wieder Lob und Anregungen in meinem Briefkasten. Es ist wie ein analoger Blog.

Karaoke-Schaufenster #18, Venusberg 22, Hamburg

Karaoke-Schaufenster #18, mit Kommentar

Just for Fun

Anfangs habe ich gar nicht darüber nachgedacht, dass die Schaufensterkaraoke so ein Kommunikationsanlass sein würde und auch nicht, das es als cooles Sideproject für meine Arbeit als Designerin werben und mir sogar Aufträge einbringen könnte. Inzwischen hat es sich aber so entwickelt und ich habe durch die Karaoke schon sehr viele Leute kennengelernt, analog und digital.

„Entschuldigung, war hier vor kurzem eine Trennung?“

„Entschuldigung, ich wollte nur mal fragen – war hier vor kurzem eine Trennung?“
„?! Ja … aber die ist auch schon wieder ein halbes Jahr her – hä??“
„Ich bin nämlich auch gerade frisch getrennt und die Texte haben immer gepasst wie die Faust aufs Auge!“

Manche Passanten versuchen zu verstehen, was ich da eigentlich mache, was für ein Raum das ist, warum da dieser Text steht und was das soll. Design, Grafik, Musikpromotion – es steht ja nichts dran. Das irritiert die Leute total – sieht aus wie ein Laden, ist es aber irgendwie nicht – und gerade weil das Ganze so kryptisch ist, weckt es offenbar Interesse. Das Fenster ist sicher auch so beliebt, weil es einem nichts verkaufen will. Wo hat man das schon in einer so teuren Stadt wie Hamburg, in der immer alles Geld einbringen muss. Im Grunde ist es ist eben doch nur ein kleiner charmanter Quatsch.

„Ich wollte Sie schon immer mal fragen: Warum machen Sie das?“
„Nur so.“
„Ach, just for fun.“

Genau.

Karaoke-Schaufenster #51, Venusberg 22, Hamburg

Karaoke-Schaufenster #51, 15. 12. 2015

True Words

Ich wechsle die Lyrics je nach Zeit, Lust und Ideen. Im Moment fast jede Woche, sonst aber auch mal nur alle drei oder vier Wochen. In einer Liste sammle ich Ideen und dann schaue ich, was gerade passt.

Die Regeln: englische Hits der 1950er bis 1990er, der Songtext muss so kurz sein, dass er sich in drei oder vier Zeilen umbrechen lässt und das Lied muss allgemein bekannt sein, damit es nicht zu schwer zu erraten ist. Am meistens Spaß macht es, wenn die Lieder so geläufig sind, dass die Leute wirklich anfangen zu singen, sobald sie den Text sehen. ALL THE LEAVES / ARE BROWN / AND THE SKY / IS GRAY zum Beispiel hat super funktioniert. Damit es aber auch nicht zu einfach ist, dürfen es keine Titel von Liedern sein und möglichst auch keine Refrains.

Innerlich singe ich immer, nur manchmal ist der Ton abgestellt.

Ich habe immer Musik im Kopf und merke es oft nicht, wenn ich laut singe. Wenn ich sehr müde bin, singe ich La Paloma oder Guantanamera vor mich hin, die beiden Lieder scheinen meine Ohrwurm-Standardeinstellung zu sein. Der Schwerpunkt beim Karaoke-Schaufenster liegt allerdings auf den Hits der 1970er und 1980er Jahre. Ich komme vom Hof und bin als Kind bei meinem Vater auf dem Trecker mitgefahren. Da lief stundenlang NDR 2 und ich habe ständig gefragt „Pappa, wer singt das? Pappa, wer ist das?“ Durch frühkindliche Prägung bin ich also extrem versiert und textsicher in der Musik, die in den 80ern auf NDR 2 lief. Damals konnte ich ja noch kein Englisch, aber die Texte haben sich mir wohl über Klang und Melodie eingeprägt, wie Gedichte.

Karaoke-Schaufenster #9, Venusberg 22, Hamburg

Karaoke-Schaufenster #9, 14. 10. 2014

Die Songtexte beziehen sich entweder auf mein Leben, auf die Jahreszeit oder auf das was sonst gerade so passiert. Für einen der Fans, mit dem ich inzwischen befreundet bin, habe ich mal eine kommentierte Fassung der bisherigen Schaufenstertexte geschrieben – er war sehr überrascht welche Höhen und Tiefen meines Lebens so dahinterstecken. Besonders viel Spaß machen mir Texte, die man queer lesen kann, wenn man sich vorstellt, dass das ich das “ich” im Text: I’M NOT HALF / THE MAN / I USED / TO BE und Texte, in denen die Worte „Musik“ oder „Singing“ vorkommen: MUSIC / OF THE FUTURE / AND MUSIC / OF THE PAST oder SING ALONG / WITH US / DEE DEE / DEE DEE DEE.

Aber die Lyrics sind ja so offen, dass alle sie ganz auf sich selbst beziehen. Als ich gerade I’M NOT HALF / THE MAN / I USED / TO BE ins Fenster geschrieben hatte und davor stand um das Fenster zu fotografieren, stellte sich ein alter Mann neben mich und sagte mit starkem amerikanischen Akzent: „I’m not half the man I used to be – true words, true words …“

Karaoke-Schaufenster #28, Venusberg 22, Hamburg

Karaoke-Schaufenster #28, 29. 04. 2015

Brauchen Sie eine Quittung?

„Mit Schulenglisch kommt man
da ja immer nicht weit …“

Eine der Nachbarinnen steht manchmal vor dem Fenster und fragt mich sowas wie „Quite – heißt das Quittung?“ und dann sagt sie jedes Mal: „Wissen Sie, ich bin ja 85, das ist sooo lange her mit dem Englisch lernen!“ Und eines Tages fuhr ein älterer Mann am Fenster vorbei, drehte dann um und sagte mir: „Können Sie nicht mal eine Übersetzung dazu machen? Mit Schulenglisch kommt man da ja immer nicht weit …“. Ich meinte: „Hm, ja ja, könnte ich mal machen, mal sehen …“ Aber dann dachte ich, wenn er sich schon extra die Zeit nimmt, anzuhalten, um mich darum zu bitten, weil er es offensichtlich irgendwie gut findet, könnte ich das ja wirklich mal machen. Also klebe ich nun jeweils einen kleinen Zettel mit einer Übersetzungen dazu.

Manche Leute versuchen, sich Lieder zu wünschen. Aber die Lyrics, die sie vorschlagen, kenne ich oft nicht und dann kommen sie sowieso nicht in Frage. Meistens passen sie auch nicht zu meiner bisherigen Song-Auswahl. Und ganz ehrlich – welcher ernstzunehmende DJ spielt schon Publikumswünsche? Ich mache die Schaufensterkaraoke seit anderthalb Jahren und bin bei Karaoke #57. Erst zwei Leute haben es geschafft, Vorschläge zu machen, die ich aufgegriffen habe. Aber probieren kann man es natürlich immer.

Das erste Karaoke-Schaufenster am Venusberg 22, Juli 2014

Das erste Karaoke-Schaufenster am Venusberg 22, Juli 2014

Schaufensterkaraoke Making Of – Pappbuchstaben

Schaufensterkaraoke Making Of – 30 cm hohe Pappbuchstaben, von Hand gezeichnet und ausgeschnitten

Karaoke-Schaufenster #44, Instrumental

Karaoke-Schaufenster #44, Instrumental