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Ein Lettering-Archiv anlegen

Lange habe ich aus Prinzip auf Papier gezeichnet, doch nach über zehn Jahren als Illustratorin und Designerin stellte sich die Frage: Wohin mit den ganzen Arbeiten? Was wegtun, was aufheben?

Ich bringe es kaum über mich, Zeichnungen wegzuwerfen und behalte selbst die, die ich gescannt und somit digital gesichert habe. Wer weiß, vielleicht brauche ich sie noch mal. Oder es ist aus irgendwelchen Gründen interessant, sie zu haben. Oder »Chris Campe – die große Retrospektive« kommt eines Tages doch noch!

Um darauf vorbereitet zu sein, habe ich die Corona-Zeit dafür genutzt, den Keller meines Büros aufzuräumen und Aufträge, eigene Projekte, Originalzeichnungen und Belegexemplare zu archivieren. Ich habe mir ein Archivsystem überlegt, das meine Zeichnungen schützt und mir erlaubt, leicht darauf zuzugreifen. Und nebenbei habe ich einige Frühwerke entsorgt, die nun wirklich niemanden etwas angehen.

Als ich damit anfing, habe ich kaum Informationen dazu gefunden, wie ich das Unterfangen »ein Künster*innen-Archiv anlegen« sinnvoll angehen kann. Deswegen stelle ich in diesem Blogpost vor, wie ich es schließlich gemacht habe.

Analoges Lettering achivieren

Archivmaterialien

Ich wollte ein richtiges Archiv haben und deswegen habe ich meine Archivmaterialien bei einem Händler bestellt, der sonst Museen, Bibliotheken und Staatsarchive beliefert, mit »langzeitstabilen, archivsicheren Verpackungslösungen zur Archivierung und Konservierung von schriftlichen Kulturgütern«.

Der Gedanke, meine Arbeit als »Kulturgut« zu betrachten, gefiel mir so gut, dass ich am Ende ganz schön viel Geld für Pappe und Pergamin ausgab. Aber hey – Betriebsausgabe – und es ist eine Freude, mit den Boxen und Mappen zu hantieren. Außerdem fühle ich mich dadurch wie eine große, eine sehr große Künstlerin. (Wäre ich es wirklich, würde ich mein Archiv wohl kaum selbst anlegen.)

Die Firma heißt übrigens Hans Schröder GmbH.

Ein Lettering-Archiv anlegen, von Chris Campe
Ein Lettering-Archiv anlegen, von Chris Campe

1. Eine Pergaminhülle für jedes Projekt

Als Erstes habe ich alle Zeichnungen und Notizen sortiert und jedes Projekt einzeln verpackt. Für weniger umfangreiche Projekte genügten Pergaminhüllen in DIN A4 oder DIN A3. Diese Hüllen haben den Vorteil, dass ich auf Anhieb sehe, was drin ist.

Umfangreichere Projekte habe ich in Jurismappen abgelegt. Man nennt diese Mappen auch »Dreiklappenmappen« (was für ein tolles Wort!) und die drei Klappen lassen sich so falten, dass die Mappe auch zentimeterhohe Papierstapel fassen kann.

Ein Lettering-Archiv anlegen, von Chris Campe

Statt direkt auf die Hüllen und Mappen zu schreiben, habe ich Etiketten verwendet. Darauf stehen Jahr und Monat und ein Stichwort zum Projekt.

Frontklappenschachteln im Regal, Lettering-Archiv von Chris Campe

2. Eine Frontklappenschachtel für jedes Jahr

Die Hüllen und Mappen eines Jahres habe ich in einer Frontklappenkiste gesammelt, weil ich die Zeichnungen relativ regelmäßig noch einmal brauche.

Wie der Name schon sagt: Frontklappenschachteln haben vorne eine Klappe, sodass man sie öffnen kann, ohne sie aus dem Regal zu nehmen. Innen haben sie außerdem eine Art Schublade, die sich herausziehen lässt. So kann ich leicht auf die Hüllen und Mappen mit den Zeichnungen zugreifen.

Offene Frontklappenschachtel, Lettering-Archiv von Chris Campe
Regale mit Archivkisten von Chris Campe

3. Kisten für Originale und Belegexemplare

Für die Originalzeichnungen und Belegexemplare von Büchern und Covern habe ich nicht in säurefreies, basisch gepuffertes und alterungsbeständiges Pappgold investiert, sondern einfach normale Kartons genommen. Das muss reichen.

Ein Lettering-Archiv anlegen, von Chris Campe

4. Etiketten für die Kisten

Die Kartons habe ich mit handgeschriebenen Etiketten versehen. Sie sind alle ein bisschen unterschiedlich, damit ich die Kisten besser unterscheiden kann.  Selbstverständlich habe ich jedes Etikett fünfzig Mal geschrieben, bis ich zufrieden war.

5. Eine Excel-Tabelle für den Überblick

Alle Aufträge, Projekte, Originale und Belegexemplare habe ich in Tabellen erfasst, sodass ich sie mit der Suchfunktion leicht wiederfinde. Die Tabellen haben folgende Spalten:

  • Jahr und Monat
  • Kund*in – bei Aufträgen
  • Titel oder Stichwort zum Projekt
  • Projektart – zum Beispiel »Logo-Schriftzug«, »Editorial Illustration« oder »Wandgestaltung«
  • Medium – wie und wo wurde die Arbeit veröffentlicht?
  • Digital – kreuze ich bei rein digitalen Arbeiten an, damit ich nicht vergeblich in den Kisten wühle
  • Kiste – in welcher Kiste liegt die Mappe zum Projekt?
  • Belege – in welcher Kiste sind die Belegexemplare?
  • Anmerkungen – zum Beispiel »unveröffentlicht«

In der Projekttabelle hat jedes Jahr eine andere Farbe. Das dient der Übersicht und erfreut mein Auge – irgendwie muss ich mir die Tabellen ja schmackhaft machen.

Ein Lettering-Archiv anlegen, von Chris Campe
Lettering-Skizzenbücher von Chris Campe

Bonus: Label für die Skizzenbücher

Meine Skizzenbücher sind für mich ein wichtiges Arbeitsmittel, ein Gegenüber, mit dem ich Ideen entwickele. Seit ein paar Jahren verwende ich immer das gleiche Skizzenbuch und alle paar Monate ist wieder eins voll, deswegen besteht Verwechselungsgefahr.

Um mich besser zurecht zu finden, habe ich den Rücken der Bücher mit Etiketten versehen, auf denen neben den Daten auch ein paar Stichworte zum Inhalt stehen. Diese Etiketten habe ich mit der Schreibmaschine geschrieben. Einerseits, weil ich noch eine im Bürokeller stehen habe, andererseits, weil ich dachte, wenn ich das handschriftlich mache, werde ich nie fertig. Siehe Punkt 4. »Etiketten für die Kisten«

PS: Weil Sie sich sicher fragen – ich verwende die »Art Creation«-Skizzenbücher von Royal Talens. Das Papier ist nicht hochweiß, sondern angenehm gelblich abgetönt und mit einem Gewicht von 140 g/m2 verträgt es auch flüssige Farbe.

Ein Lettering-Archiv für die Nachwelt

Die Arbeit an meinem Archiv hat sich lange hingezogen, denn es macht auch mir nicht besonders viel Spaß, im kalten Bürokeller zu sitzen und Zeichnungen in Excel-Tabellen zu erfassen.

Aber solange der Keller nicht mit Wasser vollläuft oder sonst etwas Unvorhergesehenes passiert, wird dieses Archiv eine Freude für die Nachwelt sein. Bis es soweit ist, arbeite ich weiter daran, meinem Ruhm zu mehren, damit die Archivierungsmühe nicht umsonst war, die Retrospektive tatsächlich irgendwann stattfindet und mein Nachlass später auch wirklich jemanden interessiert!

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