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Jeden Tag, seit 13 Jahren

Ein 100-Tage-Projekt ist nicht schlecht, aber richtig so beeindruckend ist das Daily Project von Mark Addison Smith. Er hat sein Zeichenprojekt You Look Like the Right Type vor 13 Jahren begonnen und seitdem noch nicht einen Tag verpasst. Wow. Ich habe ihn gefragt, ob er eigentlich eine Exit-Strategie hat.

Mark und ich haben uns 2011 an der School of the Art Institute in Chicago kennenglernt. Ich machte meinen Master, er wer gerade fertig. Eine Professorin sagte zu mir »Du musst Mark kennenlernen, ihr würdet euch bestimmt verstehen!«. Wir haben uns verstanden und sind seitdem befreundet.

Die erste Zeichnung für You Look Like The Right Type war eine spontane Reaktion auf eine zufällige Begegnung, lange bevor Instagram groß wurde und jeder tägliche Projekte machte. Was hat dich dazu gebracht, am nächsten Tag die zweite Zeichnung zu machen? Du hast doch nicht von Anfang an gedacht: »Das wird jetzt mein Daily Project«, oder?

Mark: Mein tägliches Zeichenarchiv You Look Like The Right Type begann kurz nach meinem Abschluss an der School of the Art Institute of Chicago. Während meines Studiums arbeitete ich an Projekten – vor allem an Künstlerbüchern –, bei denen es um eine nichtlineare Anordnung von Sprache ging, die den Betrachter*innen verschiedene syntaktische Ergebnisse zu ermöglichen. Ich hatte mich daran gewöhnt, jede Woche an neuen Projekten zu arbeiten und Feedback von meinen Kommiliton*innen und Professor*innen zu erhalten. Es war ein bereicherndes, unterstützendes Arbeitsmfeld mit der impliziten Erwartung, weiterzumachen.

Das war vorbei, als ich das Studium abschloss und auf mich allein gestellt war, während ich gleichzeitig einen Job und den Druck des täglichen Lebens unter einen Hut bringen musste. Mein Schwerpunkt verlagerte sich auf freiberufliche Designarbeit und Lehrtätigkeit, aber ich brannte darauf, ein neues Projekt zu beginnen.

Drawing from the Daily Project »You Look Like the Right Type« by Mark Addison Smith

In der Zeit begann ich, über ein typografisch-porträtistisches Projekt nachzudenken, mit Lettering anstelle von klassischen Porträts, aber mir fehlte noch der kreative Funke, um die Arbeit zu entzünden.

Eines Abends sprach mich auf der Straße eine Frau an und bat mich um eine Zigarette. Als ich keine hatte, rief sie: »Ahh, you look like the right type«. Ich lief nach Hause und zeichnete unseren Wortwechsel. In diesem Moment kristallisierte sich das größere Projekt, über das ich nachgedacht hatte – ich hatte ein griffiges Zitat und einen Titel für meine Serie aus einer zufälligen Begegnung mit einer Fremden!

Die Inspiration kam buchstäblich auf mich zu und flüsterte mir ins Ohr, was, wenn man so will, zu einem der Parameter für täglichen Zeichnungen geworden ist: Ich schnappe merkwürdige Sätze von Menschen um mich herum auf – oft sind es Fremde – und zeichne sie als kontextlose Erzählungen, die ich zu größeren, nichtlinearen Gesprächen zwischen Menschen verarbeite, die sich weder getroffen noch miteinander gesprochen haben.

»Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, wenn jemand einen Kommentar zu meinem täglichen Blogeintrag schrieb.«

Es war also eher eine persönliche Verpflichtung mir selbst gegenüber und die Begeisterung darüber, dieses Projekt »gefunden« zu haben, die mich dazu brachten, nach Hause zu eilen und die Worte der ersten Fremden zu zeichnen und dann am nächsten Tag aufzuwachen und gleich weiterzumachen.

Meine erste You Look Like The Right Type-Zeichnung entstand am 23. November 2008. Aber am 1. Januar 2009 startete ich einen Blog und begann, die Zeichnungen zu veröffentlichen und Publikum zu haben steigerte den Druck noch! Ich habe meine eigene Version von Instagram geschaffen, bevor es Instagram überhaupt gab! Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, wenn jemand einen Kommentar zu meinem täglichen Blogeintrag schrieb.

drawings from the Daily Project »You Look Like the Right Type« by Mark Addison Smith

Ich wurde süchtig nach der täglichen Zeichenaufgabe, der Möglichkeit, mit den Zuschauer*innen in Kontakt zu treten und zu sehen, wie mein Stapel an Zeichnungen wuchs. Und ich entschied, dies für ein Jahr auszuprobieren, um zu sehen, ob ich einen Zeichenmarathon durchziehen könnte (auch hier war ich der Zeit voraus, denn solche Challenges sind auf Instagram inzwischen sehr beliebt).

Am Ende des ersten Jahres beschloss ich, ein zweites Jahr weiterzumachen, weil ich noch nicht genug hatte: Ich war komplett fasziniert davon, was die Leute sagen und verliebt in die Mischung aus Handlettering und Strichzeichnung in meinen Zeichnungen. Das bin ich immer noch. Aber als ich anfing, hätte ich nicht gedacht, dass ich das die nächsten dreizehn Jahre machen würde! Junge, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Mark Addison Smith in front of drawings from »You Look Like the Right Type«

Was bedeutet dir dieses Projekt nach all dieser Zeit? Ich meine sowohl die tägliche Praxis als auch das über die Jahre entstandene Werk. Ist es manchmal langweilig? Wie sorgst du dafür, dass es für dich selbst interessant bleibt?

Erstmal: ich liebe ich es, die Zeichnungen anzufertigen. Sonst hätte ich das erste Jahr nicht überstanden. Mir wird also nie langweilig, wenn ich zeichne, und erst recht nicht, wenn ich die Merkwürdigkeiten höre, die Leute so sagen. Ein interessantes Zitat, inspirert mich besonders zu zeichnen.

Nach all der Zeit ist das Projekt für mich einerseits ein Ort der Zentrierung. Aber andererseits ist es auch eine tägliche Herausforderung, einen Moment zu finden, um alles anzuhalten und zu zeichnen, selbst wenn ich einen Tag voller Ablenkungen habe.

In den letzten dreizehn Jahren habe ich keinen einzigen Tag verpasst, an dem ich die Worte von jemandem gezeichnet habe. Ich habe von meinem Schreibtisch zu Hause aus gezeichnet, während ich im Urlaub war, bei der Arbeit, während ich in der Schlange stand und auf den Bus wartete, als ich mich um einen geliebten Menschen im Krankenhaus kümmerte, beim Abendessen und an jedem Geburtstag und jedem Feiertag in den letzten dreizehn Jahren.

Lettering Artist Mark Addison Smith draws on the subway in New York

Das Werk ist für mich sehr zeitabhängig geworden. Auf einer konzeptionellen Ebene entspricht eine Zeichnung einem Tag, so dass der Haufen Zeichnungen dreizehn Jahre meines Lebens in einem Augenblick zusammenfasst. Ich staple meine You Look Like The Right Type-Zeichnungen in einem großen Bücherregal mit Schiebefunktion in meinem Büro zu Hause, und eines Tages sagte ein Freund: »Du wirst in deinem Leben niemals das ganze Regal mit Zeichnungen füllen!«

Eine Zeichnung wiederum entspricht auch einer Person, der ich in meinem Leben begegnet bin. Das Werk als eine Reihe zu betrachten, ist eine interessante Form der Datenvisualisierung: ein bedeutungsvoller Blick auf den Lauf der Zeit – wie Sand in einer Sanduhr – und eine feierliche Ansammlung von Menschen.

Stack of drawings from the Daily Project »You Look Like the Right Type« by Mark Addison Smith

Die ersten paar Jahre »You Look Like the Right Type«

So sehr You Look Like The Right Type ein Archiv der Worte anderer Menschen ist, so sehr wird die Arbeit auch zu einem Tagebuch für mich, denn ich datiere die Rückseite jeder Zeichnung und schreibe oft ein oder zwei Zeilen über den Kontext, in dem ich das Zitat gehört habe, oder darüber, was mir an diesem bestimmten Tag passiert ist.

»Ich würde die Serie gerne in ein journalistisches, dokumentarisches Format bringen, das mir während der Pandemie so viel Trost gegeben hat.«

Als die Pandemie begann und es für mich unmöglich wurde, Zitate in der Öffentlichkeit aufzuschnappen, lud ich Fremde ein, sich mit mir auf Zoom zu unterhalten. Dann verwandelte ich ihre Worte in Serien von Zeichnungen darüber, wie die Menschen mit der Krise umgehen.

Das war eine neue Herangehensweise an eine Zeichnungsserie, über die ich alles zu wissen glaubte – und plötzlich änderte sich das Spiel, sodass ich mit Fremden auf eine andere Weise interagieren konnte.

Ich bin gerade dabei, ein neues Künstlerbuch zu drucken, das 365 meiner Pandemie-Zeichnungen enthalten wird. Ich würde die Serie gerne in ein eher journalistisches, dokumentarisches Format bringen, das mir während der Pandemie so viel Trost gegeben hat.

Drawing from the Daily Project »You Look Like the Right Type« by Mark Addison Smith

Als wir uns 2011 kennenlernten, hattest du schon seit über zwei Jahren jeden Tag eine Zeichnung für You Look Like The Right Type gemacht. Schon damals habe ich mich gefragt, wie und wann du das Projekt beenden würdest. Jetzt sind es dreizehn Jahre, mehr als 5000 Zeichnungen – hast du eigentlich eine Ausstiegsstrategie?

Ich habe keine Exit-Strategie! Vielleicht mache ich deshalb immer weiter? Ich bin immer noch dabei, es herauszufinden!

Mehr über Mark Addison Smith und You Look Like the Right Type

Hier ist ein Link zum Archiv von You Look Like the Right Type und Marks Pandemie-Serie findest du hier. Die neuen Zeichnungen postet Mark regelmäßig in seinem Instagram-Feed.

Drawing from the Daily Project »You Look Like the Right Type« by Mark Addison Smith

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