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„Hamburg Alphabet“, ein Fotobuch von Chris Campe

Hamburgs typografisches Gesicht

Ein Besuch in Wien brachte mich 2009 auf die Idee, auch in Hamburg nach alten Neonschildern und Fassadenschriften zu suchen. Für die Recherche bin ich 1547 km mit dem Fahrrad durch Hamburg gefahren und habe über 1000 verschiedene Schilder fotografiert. Das Fotobuch „Hamburg Alphabet“ zeigt die 220 bemerkenswertesten Schilder – in alphabetischer Reihenfolge.

Schilder und Fassadenbeschriftungen prägen das Stadtbild. Sie werben, bezeichnen, markieren, sie sind weithin sichtbar und dienen der Orientierung. Ohne Schrift keine Stadt, und so lässt sich eine Stadt auch durch ihre Neonreklamen und Schriftzüge porträtieren. Das Porträt, das so entsteht, ist vielschichtig. Es setzt sich zusammen aus gewöhnlichen, typischen und einzigartigen Namen und Bezeichnungen, aus dem besonderen Bezug zu ihren Orten und aus der Gestaltung. Und nicht zuletzt erlaubt es Schlüsse auf die Veränderung einer Stadt.

Material- und Formenvielfalt

Das Ladenschild ist die Visitenkarte eines Geschäfts, ein Aushängeschild im wahrsten Sinne des Wortes. Einige sind kunstvoll gestaltet und typografisch raffiniert, manche pragmatisch und nüchtern, andere leichtfertig zusammengebastelt und nicht für die Ewigkeit gemacht. Manche sind klassisch elegant und zeitlos, andere grell und modisch. Sie sind aus Neonröhren geschwungen, aus Stein in die Hauswand integriert, aus Metall geschweißt, aus Holz geschraubt, aus Plastikfolie geklebt, mit Farbe auf Fassade gemalt.

Viele Geschäftsschilder sind gepflegt und in Würde gealtert, sie haben so lange der Erneuerung getrotzt, bis sie „die gute alte Zeit verkörperten. Die Inhaber der Läden sind sich ihrer Schätze bewusst: „Das hängt da seit fünfzig Jahren – das nehmen wir auch nicht ab!“ Andere Schriftzüge sind verdreckt, verblasst, vernachlässigt, ihnen fehlen Buchstaben, Neonröhren, Farbe. Wie vielfältig die Materialien sind, zeigt sich oft erst, wenn Schmutz und Zerfall die Gestaltung der Schrift verändern – „Dat olle Ding? Das müßte ich mal wieder putzen!“

Stadtgeschichte in Schildern

Von den Schildern schweift der Blick auf die Fassaden und Gebäude, Straßen und Stadtteile. So zeigt sich die Struktur der Stadt: Wo gibt es noch alte Läden, wo sind nur noch Spuren zu finden? Die Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel sind Knotenpunkte für den Handel, und besonders in den weniger „entwickelten“ Stadtteilen finden sich in ihrer Umgebung noch über mehrere Generationen geführte Fachgeschäfte mit alten Ladenschildern, während in teureren Lagen kaum typografische Relikte des alten Einzelhandels erhalten sind.

Wenn ein Geschäft schließt und die Ladenräume neu vermietet werden, bleibt das Ladenschild oft erst einmal hängen. Nicht selten zeugt ein Schriftzug noch sehr lange davon, welcher Handel an einem Ort einmal betrieben, welche Dienstleistung offeriert wurde. Werden die Buchstaben entfernt, hinterlassen sie Schatten von Schmutz, die die Konturen der Buchstaben nachzeichnen. Diese Spuren verschwinden schnell, wenn das nächste Geschäft sein Schild anbringt, oder langsam, wenn die Räume nicht wieder neu genutzt werden. Und manchmal ist die Beschriftung so sehr mit ihrem Ort verbunden, dass sie auch dem nachfolgenden Geschäft noch ihren Namen gibt.

Wie jedes Porträt ist das „Hamburg Alphabet“ eine Momentaufnahme. Je älter das Buch wird, umso wertvoller ist es, denn mit den alten Läden verschwinden auch die Schilder. So ist das „Hamburg Alphabet“ nicht nur ein besonderer und nostalgischer Stadtführer, sondern auch ein typografisches Verzeichnis und eine Dokumentation schnell schwindender Orte.

„Hamburg Alphabet“ beim Verlag bestellen

Infos zum Buch

Titel

Hamburg Alphabet

Hamburger Ladenschilder von A bis Z

Umfang

96 Seiten mit 220 durchgehend farbigen Fotos

Format

gebunden, 17 x 12 cm

Jahr

1. Auflage 2010

Verlag

Junius Verlag

ISBN

978-3-88506-466-4

Preis

14,90 Euro

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